Teil III
Geschlechterrollen und Göttinnen
Mythologie entsteht nicht losgelöst von der politischen Ökonomie, die sie hervorbringt. Bei den Proto-Indoeuropäern lässt sich beides — Erzählung und materielle Basis — über dieselbe vergleichende Methode rekonstruieren, und beide stützen sich gegenseitig: eine pastorale, pferdegestützte, patrilineare Gesellschaft erzeugt ein Pantheon, das diese Ordnung spiegelt und legitimiert.
Vieh, Eigentum, Mobilität
Das proto-indoeuropäische Wort für „Vieh", *pékʷu, bedeutet zugleich „Vermögen" — die Wurzel überlebt im Englischen fee und in „pekuniär". Reichtum war Vieh. Das ist materiell entscheidend, denn Vieh ist im Unterschied zu Land mobil, akkumulierbar, vererbbar und mit Gewalt verteidigbar — von Einzelnen, nicht zwingend von der Verwandtschaftsgruppe als Ganzes.
Die Domestizierung des Pferdes und die Erfindung des Wagens (*wóǵʰnos) um etwa 4000 v. u. Z. verbanden ökonomische und militärische Mobilität: Wer Vieh schnell bewegen, verteidigen und rauben konnte, konnte es auch akkumulieren. Das ist im Kern dieselbe materielle Logik, die Friedrich Engels in Der Ursprung der Familie als Voraussetzung patriarchaler Vererbung beschreibt — hier lässt sie sich sprachlich bis in die Grundvokabeln zurückverfolgen.
Ehe als Übereignung
Das PIE-Wort für „heiraten", *h₂wedh-, bedeutet wörtlich „eine Braut wegführen, heimführen". Die Bewegungsrichtung ist im Verb selbst kodiert: die Frau verlässt das Haus ihres Vaters und zieht in das ihres Mannes. Das wird durch die Verwandtschaftsterminologie bestätigt — es gibt eigene, gut bezeugte Wörter für die Verwandten des Ehemanns (*swékuro- Schwiegervater, *daiwér- Schwager, *yenh₂tér- Frau des Schwagers), aber auffallend wenige für die Verwandten der Ehefrau.
Das Haus wurde vom *dems-pótis geführt, dem „Herrn des Hauses" — Ursprung des Wortes „Despot". Heirat funktionierte als Brautpreis-Ökonomie: Vieh wanderte von der Familie des Bräutigams zur Familie der Braut — derselbe Vieh-Reichtum aus dem vorigen Abschnitt, jetzt als Tauschmittel für Frauen eingesetzt.
Ein sprachliches Detail: Es existiert ein eigenes proto-indoeuropäisches Wort für „Witwe" (*h₁widʰéwh₂, „die Beraubte, Getrennte") — aber kein entsprechendes Wort für „Witwer". Der rechtliche und soziale Status einer Frau war an einen männlichen Vormund gebunden; sein Fehlen war benennenswert, ihr Fehlen nicht.
Reitervolk und der archäologische Bruch
Marija Gimbutas' „Kurgan-Hypothese" verortet die PIE-Heimat in der pontisch-kaspischen Steppe und beschreibt die Expansion patriarchaler, berittener Hirtenvölker (Jamnaja-Kultur), die ab etwa 4500 v. u. Z. in ein von ihr als „Alteuropa" bezeichnetes, eher matrifokales, göttinnenzentriertes Siedlungsgebiet vordrangen.
Der migrationsgeschichtliche Kern dieser These gilt heute als weitgehend bestätigt: aDNA-Studien seit etwa 2015 zeigen eine massive demografische Verschiebung aus der Steppe nach Europa während der Bronzezeit — selbst frühere Kritiker wie Colin Renfrew haben das inzwischen anerkannt. Umstrittener bleibt jedoch Gimbutas' Charakterisierung „Alteuropas" als friedliche, egalitäre Göttinnen-Matriarchie: die meisten Archäolog:innen verweisen auf Belege für Kriegsführung und männlich bevorzugte Bestattungspraktiken bereits vor der Steppen-Expansion. Die Wanderung selbst ist gut belegt — das romantisierte „Davor" ist es weniger.
Die Göttinnen im neuen System
Die Paarung Vater Himmel / Mutter Erde wird in der Forschung oft strukturell gelesen: aktiv, herrschend, oben — gegen passiv, fruchtbar, unten. Das ist eine Interpretation, kein unmittelbarer sprachlicher Befund, aber sie passt zu einem auffälligeren Muster: Dyēus' Tochter, die Morgenröte, wird in mindestens vier unabhängigen Zweigen — Vedisch, Griechisch, Baltisch, Italisch — dafür bestraft, dass sie zögert oder verweilt: sie wird verjagt, geschlagen, zurechtgewiesen. Ihre Brüder, die Himmelssöhne, treten in denselben Traditionen durchweg als unbehelligte, aktive Retterfiguren auf. Gleiche Familie, ungleiche erzählerische Behandlung von Sohn und Tochter.
Auch die Dumézilsche Dreiteilung — sichtbar im Manu-und-Yemo-Mythos — ist um männliche Funktionstypen organisiert: Priesteramt, Kriegertum, Erzeugung. Göttinnen erscheinen in diesem Schema eher als Figuren, die die Gesamtordnung legitimieren oder Fülle/Fruchtbarkeit verkörpern (die „dritte Funktion"), seltener als Trägerinnen priesterlicher oder militärischer Macht selbst.
Eine Einschränkung gehört dazu: Die „patriarchale" Rekonstruktion stützt sich überproportional auf die am besten dokumentierten Zweige — vedisches und griechisches Epos, beides männlich dominierte, kriegerische Texttraditionen. Das verzerrt mutmaßlich auch das rekonstruierte Bild selbst. Vergleichende Mythologie ist eine Annäherung, kein Fund.