Anmerkung: Diese Entwicklung ist hier sehr einheitlich und verkürzt dargestellt. Tatsächlich waren und sind Gesellschaften vielfältig und diese Entwicklung war kontingent. Es geht hier vor allem darum, exemplarisch aufzuzeigen, wie sich das Patriarchat entwickelt hat.
Auch wenn die Unterdrückung weiblich gelesener Menschen im Kapitalismus eine besondere Form angenommen hat, ist sie bereits sehr viel älter als das kapitalistische System, hat eine vom Kapitalismus unabhängige Existenz und wird dementsprechend auch nicht direkt bei einer antikapitalistischen Gesellschaftsveränderung verschwinden. Wir werden uns zwar in den kommenden Posts viel mit der Verbindung dieser beiden Unterdrückungsformen (Geschlecht und Kapitalismus) auseinandersetzen, einfach weil dieser Teil vor allem in den dominanten feministischen Strömungen häufig nicht beachtet wird, trotzdem kann die Unterdrückung wegen des Geschlechts nicht darauf reduziert werden. Das zeigt schon ein knapper Blick in die Geschichte. Anthropologische, archäologische und evolutionspsychologische Forschung spricht aktuell dafür, dass frühe menschliche Gesellschaften relativ gleichberechtigt waren. Die Herrschaft von (cis) Männern begann vermutlich erst vor etwa 12.000 Jahren. Zunächst lebten die Menschen noch in Horden und weniger in Familienbünden. Das war nötig, weil nur das Zusammenwirken der Horde die mangelnde Verteidigungsfähigkeit der Menschen ausgleichen konnte. In dieser Situation existierte das monogame Paarmodell nicht im heutigen Sinne und Abstammung war nur von mütterlicher Seite nachweisbar. Denn bei ihr konnte man eindeutig erkennen, dass sie die Kinder gebar. Die Kinder gehörten deswegen häufig dem Clan der Mutter an und Gemeinschaftsbesitz wurde über die weiblich gelesenen Menschen vererbt. Mit der Zeit entwickelte sich die Paarungsehe mehr und mehr zur Norm, also eine Ehe zwischen einzelnen Pärchen und die Menschen wechselten zur Landwirtschaft. In der Paarungsfamilie bildete sich häufig eine Arbeitsteilung heraus: Männer kümmerten sich eher draußen um Nahrung, während weiblich gelesene Menschen tendenziell an den Haushalt gebunden waren. Warum blieben sie eher Zuhause? Vermutlich weil sie durch Gegebenheiten wie Schwangerschaften eher ans Zuhause gefesselt waren. Den Männern kam in dieser Zeit die Aufgabe zu, die Nahrung zu beschaffen. Das bringt nicht zwangsläufig ein patriarchales System. Aber durch die Arbeitsteilung fielen den Männern nun die Arbeitsmittel und das Eigentum zu. Beides entwickelte sich mit Entwicklung der Gesellschaften immer weiter. Durch die eher zufällige Arbeitsteilung wuchs nun das Eigentum in den Händen der Männer an und weckt in ihnen das Bedürfnis diese an ihre Kinder zu vererben. Die Vererbung über die Mutter wird ersetzt durch die Vererbung über den Vater. Diese Veränderung bildet den Anstoß für die vollständige Errichtung des Patriarchats. Zentrales Element dieser Entwicklung ist die Monogamie, die insbesondere den weiblich gelesenen Menschen aufgedrückt wird, sodass die Vaterschaft eindeutiger bestimmbar ist. Denn wenn sie nicht monogam leben würde, könnte das Kind theoretisch auch von jemandem anderes sein und wäre nicht rechtmäßige*r Erb*in. So entsteht das Patriarchat durch das Anwachsen des Eigentums, die Veränderung der Art wie gewirtschaftet wird und die Arbeitsteilung, die nicht zwangsläufig zur Herrschaft des Mannes hätte führen müssen. Weiblich gelesene Menschen werden nun aus ihren eigenen Gruppen radikal herausgelöst und in die Gruppe ihres Mannes eingegliedert. Sie selbst und ihre Kinder werden zum Eigentum des Mannes und sie wird kontrolliert, um die Erblinie sicherstellen zu können. Ehefrauen waren zur Monogamie verpflichtet, sollten jungfräulich sein und Vergewaltigung war die Schande der Frau. Etwa 1760 vor Christus wird dieses Patriarchat schließlich zum Gesetz. Der Rechtskodex des Hammurabi legte die Verpflichtung des Ehemannes zum Unterhalt seiner Frau fest und zementiert so die ökonomische Abhängigkeit.